Die FIRM-Herbstkonferenz 2025 stand im Zeichen geopolitischer Herausforderungen. Drei Perspektiven – der makroökonomische Blick von Dr. Ludger Schuknecht (AIIB), die strategische Analyse von Gerold Grasshoff (FIRM) und der institutionelle Ansatz von Nikolaus Maximilian Linaric (ING-DiBa) – verdeutlichten, wie sehr geopolitische Risiken inzwischen das Risikomanagement von Banken und Finanzinstitutionen prägen.
Zum Auftakt zeichnete Dr. Ludger Schuknecht, Vice President der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), ein differenziertes Bild der Weltwirtschaft. Für 2025 erwartet der IWF ein globales Wachstum von rund drei Prozent – schwächer als im historischen Trend. China entwickelt sich mit 4,8 Prozent stärker als zunächst prognostiziert, während die USA auf 1,9 Prozent zurückgestuft wurden. Deutschland und andere Industrieländer bewegen sich im unteren Mittelfeld. Parallel sinkt die Inflation in vielen Regionen, nähert sich aber nur langsam den Zielmarken. In den USA wird sie durch neue Handelsbarrieren und Zölle voraussichtlich hartnäckiger bleiben.
Protektionismus und Handelskonflikte
Schuknecht machte deutlich, dass protektionistische Tendenzen und Handelskonflikte ein Risiko für die globale Konjunktur darstellen. So erwartet auch die OECD Wachstumseinbußen bei anhaltendem Protektionismus. Er wies zugleich auf eine strukturelle Schwäche hin: In vielen Industrieländern stagniert die Reformagenda. Notwendige Schritte in Bereichen wie Arbeitsmarkt, Digitalisierung, Bildung und Sozialversicherung werden verschleppt – mit der Folge, dass das langfristige Potenzialwachstum sinkt.
Schwellenländer mit mehr globalem Gewicht
Besondere Aufmerksamkeit widmete Schuknecht China. Zwar verzeichnete das Land im ersten Halbjahr 2025 ein BIP-Wachstum von 5,3 Prozent, doch schwächeln der Immobiliensektor, der Konsum und die Investitionen. Gleichzeitig wächst Chinas Bedeutung in Hochtechnologien. Deutsche Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsposition in wichtigen Branchen wie Elektromobilität oder Maschinenbau zunehmend unter Druck. Langfristig verschiebt sich das globale Gewicht weiter in Richtung Schwellenländer: Bereits heute stellen sie rund 60 Prozent der Weltwirtschaft, bis 2050 werden China und Indien die größten Volkswirtschaften sein, während Europa an relativer Bedeutung verliert.
Auswirkungen AUF DIE EUROPÄISCHE
Bankenindustrie
Diese globalen Verschiebungen bildeten den Hintergrund für die Analyse von Gerold Grasshoff, CEO von FIRM. Er argumentierte, dass Geopolitik heute der dominierende strategische Treiber für Finanzinstitute ist, überlagert von einem Systemwettbewerb zwischen Demokratien und autoritären Regimen. Grasshoff unterschied zwischen strukturellen Risiken wie De-Globalisierung, Energieknappheit und sozialer Fragmentierung auf der einen Seite und akuten Risiken wie Kriegen, Cyberangriffen oder Terrorismus auf der anderen. All diese Risiken können Banken gleichermaßen treffen.
Kritische Lieferketten weiter im Fokus
Ein zentrales Instrument sei die Szenarioanalyse. Mit den Grundannahmen lasse sich ein Rahmen schaffen, in dem Risikoarten wie Kredit-, Markt-, Liquiditäts-, Compliance- und Cyberrisiken durchgerechnet werden können. Grasshoff machte deutlich, dass vor allem China eine besondere Verwundbarkeit für die deutsche Wirtschaft und Bankenlandschaft darstellt.
Während die direkten Kreditrisiken deutscher Banken gegenüber chinesischen Schuldnern mit rund 36 Milliarden Euro noch überschaubar erscheinen, liegen die indirekten Risiken deutlich höher. Rund 140 Milliarden Euro entfallen auf Engagements bei exportabhängigen Unternehmen, weitere 92 Milliarden Euro auf importabhängige Firmen und etwa 220 Milliarden Euro auf Unternehmen mit substanziellen Direktinvestitionen in China. Diese Abhängigkeiten werden durch kritische Lieferketten bei Seltenen Erden, Batterien und Elektronik zusätzlich verstärkt. Eine Eskalation des Taiwan-Konflikts würde Sanktionen, Handelsunterbrechungen und einen deutlichen Anstieg an Cyberattacken nach sich ziehen.
USA von besonderer Bedeutung
Auch der Russland-Ukraine-Krieg bleibe ein relevanter Faktor. Zwar sind die direkten Bankexposures inzwischen gering, doch bestehen erhebliche sekundäre Effekte über Energie, Rohstoffe und geopolitische Spillover. Zudem hat Russland seine Handelsströme klar nach Osten verlagert, was für Finanzinstitute neue Unsicherheiten bei Recovery Rates und Liquiditätsannahmen bedeutet. Die USA wiederum sind doppelt bedeutsam: als größter deutscher Handelspartner, aber auch als potenzieller Unsicherheitsfaktor durch eine erneute „America First“-Politik. Schon jetzt liegen US-Zölle im Schnitt bei über 20 Prozent. Dies hat unmittelbare Folgen für deutsche Exportindustrien und treibt zugleich die Finanzierungskosten in US-Dollar nach oben. Insgesamt hält Grasshoff das Thema Zölle aber für stark überschätzt. Sein Fazit ist eindeutig: Geopolitische Risiken sind kein Randthema mehr, sondern gehören ins Zentrum von Stresstests, Risikokapitalberechnung und strategischer Planung.
Geopolitisches Risk Assessment
Wie geopolitische Risiken konkret in die Steuerung einer Bank integriert werden können, zeigte Nikolaus Maximilian Linaric, CRO der ING-DiBa Deutschland. Die Bank führt seit 2012 ein konzernweites Global Risk Assessment durch, in dem geopolitische Risiken systematisch erhoben werden. Anfangs standen Themen wie ein möglicher Zerfall der Eurozone oder der Brexit im Vordergrund, heute dominieren Spannungen rund um China, die USA, Russland und den Nahen Osten.
Der Prozess folgt einem klaren Ablauf. Zunächst identifiziert die Research-Einheit von ING die wichtigsten geopolitischen Risiken. Anschließend bewertet das Senior Management weltweit deren Eintrittswahrscheinlichkeit und die erwarteten Auswirkungen auf das Geschäft. Ergänzt wird dies durch Interviews mit Experten in verschiedenen Risikobereichen, bevor die Ergebnisse in einer konsolidierten Analyse zusammengeführt werden. Diese wird in Stresstests, Szenarioanalysen und in das Risk-Appetite-Framework integriert und schließlich im Management Board diskutiert. Daraus ergeben sich konkrete Anpassungen in Limitsystemen, Policies und Notfallplänen.
Jederzeit Handlungsfähigkeit sichern
Linaric betonte, dass ING durch diesen Ansatz handlungsfähig bleibt, auch wenn viele geopolitische Risiken nicht direkt steuerbar sind. Die Bank ist zwar global aufgestellt, hat jedoch nur begrenzte Präsenz in geopolitisch hochinstabilen Regionen. Besonders wichtig seien sogenannte „No Regret Moves“, die in jedem Szenario sinnvoll sind – etwa die Diversifizierung von Portfolios, der Ausbau von Cyber-Resilienz oder die Weiterentwicklung von Business-Continuity-Plänen. Entscheidend sei, die gewonnenen Erkenntnisse nicht in Berichten verharren zu lassen, sondern konsequent in operative Steuerungsprozesse und strategische Entscheidungen zu überführen.
Die drei Vorträge verdeutlichten aus unterschiedlichen Perspektiven, dass Geopolitik heute tief in die Wirtschaft und das
Finanzsystem hineinwirkt. Dies zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion mit den rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Praxis und Wissenschaft. Fragen nach der konkreten praktischen Umsetzung standen hier im Fokus. ¡









































































Event Details
25. September 2025 | 10:00 - 17:30 Invite Only!