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Wir erleben derzeit eine Veränderungsdynamik, die kaum noch vergleichbar ist mit früheren Dekaden. Geopolitische Verschiebungen, technologische Sprünge und wirtschaftliche Herausforderungen überlagern und verstärken sich gegenseitig – und führen zu einer Komplexität, die immer schwerer zu managen ist. Das gilt für Politik und Wirtschaft insgesamt und es gilt im Besonderen für die Finanzindustrie. Sie ist gefordert, ihre Risikoarchitektur permanent auf die neuen Entwicklungen auszurichten.

Daraus ergibt sich eine gefühlte Unsicherheit, die derzeit so hoch ist wie selten zuvor. Banken sehen sich einer wachsenden Zahl unterschiedlicher Risiken gegenüber, die zudem mit hoher Geschwindigkeit aufeinanderfolgen. Die entscheidenden Treiber dieser Entwicklung sind Geopolitik, technologische Veränderungen – insbesondere Künstliche Intelligenz – sowie die Wettbewerbsfähigkeit nationaler Volkswirtschaften.

Von Geopolitik bis Cyberrisiken

Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Unsicherheit beherrschbar wird, wenn wir sie konsequent antizipieren. Genau darin liegt die Aufgabe eines modernen Risikomanagements: Es ist kein reines Kontrollinstrument, sondern ein strategisches Werkzeug, das Orientierung bietet, wenn einfache Lösungen nicht mehr greifen. Vor diesem Hintergrund adressieren wir bei FIRM in unseren Schwerpunktthemen für 2026 insbesondere Geopolitik, Bankenregulierung, Technologie und Künstliche Intelligenz. Hinzu kommen Cyberrisiken, digitale Währungen und Liquiditätsrisiken sowie Themen wie Geldwäsche- und Sanktionsprävention und die Auswirkungen einer zunehmend expansiven Fiskalpolitik.

Ein zentraler Risikotreiber ist die Geopolitik, die lange Zeit eher ein Randthema war und heute nahezu alle anderen Risikoarten prägt. Besonders die Spannungen zwischen den USA und China beeinflussen wirtschaftliche und technologische Entwicklungen weltweit. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft bleibt China ein zentraler Absatzmarkt, gleichzeitig wächst jedoch die geopolitische Unsicherheit. Die Debatte um Taiwan, die strategische Entkopplung von Technologielieferketten und die gezielte Förderung eigener Industrie- und KI-Kapazitäten zeigen, wie ernsthaft China seine langfristigen Ambitionen verfolgt.

Für Banken ergeben sich daraus unmittelbare Konsequenzen. Geopolitische Entwicklungen schlagen sich zunehmend in indirekten Kreditrisiken nieder, etwa wenn Absatzmärkte wegbrechen oder Lieferketten unterbrochen werden und dadurch die Zahlungsfähigkeit von Kunden sinkt. Hinzu kommen operative Störungen und eine steigende Zahl staatlich oder halbstaatlich orchestrierter Cyberangriffe. Die Aufsicht reagiert darauf mit neuen Anforderungen, etwa durch die explizite Einbeziehung geopolitischer Szenarien in Stresstests.

Härtere Gangart für Finanzinstitute

Parallel dazu gewinnt die US-Strategie eines erneuerten „America First“ an Kontur. Sie ist weit mehr als eine Frage von Zöllen. Dahinter steht ein umfassendes wirtschaftspolitisches Programm: strategische Industriepolitik, expansive Fiskalpolitik, eine wirtschaftsfreundliche Steuerpolitik, gezielte Förderung von KI-Infrastruktur sowie eine selektive Einwanderungspolitik. Für Finanzinstitute bedeutet das, sich auf eine härtere Gangart einzustellen und die Auswirkungen dieser Politik stärker in Geschäftsstrategie und Risikomanagement zu berücksichtigen.

Dabei wird die US-Fiskalpolitik häufig unterschätzt. Ein auf Steuersenkungen und Protektionismus basierender monetärer Stimulus kann das Vertrauen in US-Staatsanleihen unterminieren, Inflationsrisiken erhöhen und letztlich die Gefahr einer Staatsschuldenkrise verstärken. Zugleich ist auch in Europa eine expansive Fiskalpolitik zu beobachten. Angesichts hoher Schuldenstände stellt sich die Frage nach der Resilienz staatlicher Haushalte, insbesondere bei steigenden Zinsen und Inflation. Für Banken ist dies relevant, weil sie traditionell hohe Bestände an Staatsanleihen halten und damit in einem engen Staaten-Banken-Nexus stehen.

Unterschiede in der Bankenregulierung

Auch in der Bankenregulierung zeigen sich die Unterschiede zwischen den großen Wirtschaftsblöcken deutlich. Während Europa Basel IV vollständig umsetzt und die Anforderungen an Kapital, Datenhaushalte und Meldewesen weiter erhöht, signalisieren die USA eine stärker wachstumsorientierte Linie und möglicherweise eine Abkehr von zusätzlichen Kapitalanforderungen. Diese strukturelle Asymmetrie hat unmittelbare Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Institute.

Gleichwohl steht die Stabilität des europäischen Systems außer Frage. Die Banken sind heute deutlich robuster als vor der Finanzkrise, mit höheren Kapitalquoten und verbesserten Risikosteuerungsmechanismen. Doch Stabilität allein genügt nicht. Regulierung muss präzise, risikoadäquat und innovationsfreundlich sein. Das gilt umso mehr, als neue Risiken entstehen – etwa durch das rapide Wachstum von Private Credit außerhalb regulierter Bankstrukturen.

Risikomanagement muss Szenarien entwickeln, die über vergangene Krisen hinausgehen. Nur so lassen sich mutige Entscheidungen treffen, die Freiräume für Innovation und Wachstum eröffnen.

Gerold Grasshoff, CEO FIRM

Ein weiterer Schwerpunkt der FIRM-Aktivitäten liegt auf dem Thema Geldwäsche- und Sanktionsprävention. Mit der europäischen Geldwäschebehörde AMLA beginnt 2026 eine neue Phase der Aufsicht: Standards werden vereinheitlicht, Prüfmechanismen zentralisiert und die Erwartungen an Transparenz und Datenqualität steigen deutlich. Geldwäsche und Sanktionsumgehungen werden damit zunehmend als integrale Bestandteile der Gesamtbanksteuerung verstanden – und nicht mehr nur als technische Compliance-Themen.

Technologisch steht insbesondere die Künstliche Intelligenz im Fokus. Sie eröffnet neue Möglichkeiten in der Risikoerkennung, in datengetriebenen Frühwarnsystemen und in der Aggregation komplexer Risikopositionen. Zugleich entstehen neue Verwundbarkeiten, etwa durch mögliche Überhitzungen der Technologiemärkte oder durch mangelnde Governance von KI-Modellen. Entscheidend ist daher eine klare Verantwortung für Entwicklung, Implementierung und Überwachung solcher Systeme. Banken können es sich nicht leisten, Modelle einzusetzen, deren Ergebnisse nicht nachvollziehbar sind.

Digitalisierung bringt Herausforderungen

Auch die Digitalisierung des Geldes bringt neue Herausforderungen. Stablecoins gewinnen an Bedeutung, während in Europa der digitale Euro noch in der Ausgestaltung ist. Für Banken bedeutet das eine doppelte Perspektive: Einerseits eröffnen digitale Währungen Effizienzgewinne, andererseits können sie in Stressphasen erhebliche Liquiditätsbewegungen auslösen. Die Wechselwirkungen zwischen Markt-, Liquiditäts- und Technologierisiken müssen daher künftig integrativer betrachtet werden.

Der ESG-Diskurs bleibt ebenfalls relevant, auch wenn sich die Prioritäten verschieben. Während Europa stark auf Regulierung und Offenlegung setzt, verfolgen die USA eher einen technologie- und marktorientierten Ansatz. Diese unterschiedlichen Modelle beeinflussen die globale Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden; vielmehr geht es um einen Ansatz, der technologische Entwicklung ermöglicht und Risiken zugleich beherrschbar hält.

Vor diesem Hintergrund wird es im Risikomanagement darauf ankommen, den Blick zu weiten und Strukturbrüche frühzeitig zu erkennen. Die größte Gefahr besteht darin, sich in bestehenden Modellen und Prozessen zu verlieren und dabei neue Risiken zu übersehen. Risikomanagement muss daher Szenarien entwickeln, die über vergangene Krisen hinausgehen, und Debatten offen führen. Nur so lassen sich mutige Entscheidungen treffen, die Freiräume für Innovation und Wachstum eröffnen.

Mit dieser Perspektive verstehen wir FIRM als Plattform für Austausch, Forschung und Positionsbestimmung. Über unsere Round Tables, Studien und Projekte wollen wir dazu beitragen, neue Risiken frühzeitig zu identifizieren und tragfähige Antworten für die Finanzindustrie zu entwickeln – in einem Umfeld, das von Unsicherheit geprägt ist, aber zugleich erhebliche Gestaltungsspielräume eröffnet.

Mit unserem FIRM-Jahrbuch 2026 bieten wir einen umfassenden Überblick zu aktuellen Risikomanagement-Themen: Mehr als 50 ExpertInnen aus Banken, Beratungen, Wissenschaft und Behörden vertiefen in ihren Fachartikeln aktuelle Fragestellungen rund um Geopolitik, Cyberrisiken, Compliance, Risikokultur, Governance und vielem mehr.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Gerold Grasshoff

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