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Auch wenn die Deutschen nach wie vor am Bargeld hängen, gibt es verschiedene aktuelle Entwicklungen hin zu digitalen Zahlungsformen, welche neben den damit verbundenen technischen Herausforderungen auch einen erheblichen Einfluss auf die Banksteuerung haben. Beispiele hierfür sind die Verpflichtung zu SEPA Instant Payments sowie die geplante Einführung des Digitalen Euro. In diesem Artikel werden Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das Asset-Liability-Management, die Refinanzierungsstrategie und das Liquiditätsrisikomanagement von Banken betrachtet.

Instant Payments

Ganz akut sind Banken innerhalb des Euroraums bereits von der Verordnung (EU) 2024/886 des Europäischen Parlaments und des Rates betroffen, welche sie seit dem 9. Oktober 2025 verpflichtet, das Senden von SEPA Instant Payments zu ermöglichen. Details finden sich auf der Internetseite der EZB (https://www.ecb.europa.eu/paym/retail/instant_payments/html/instant_payments_regulation.de.html). Diese hat insbesondere Auswirkungen auf die Steuerung von untertägigen Liquiditätsrisiken.

Abb. 01: Entwicklungen im Kontext Instant Payment und digitaler Euro

Das klassische Intraday Liquiditätsrisiko setzt sich in erster Linie mit der Reihenfolge von bereits in der Höhe, jedoch nicht im genauen Zahlungszeitpunkt bekannten Zahlungen und deren Priorisierung auseinander. Mit Instant Payments kommt nun als weitere Herausforderung hinzu, dass auch Anzahl und Höhe der Zahlungsein- und ausgänge nicht im Vorfeld bekannt sind. Aufgrund der relativ kurzen verfügbaren historischen Zeitreihen ist es eine besondere Herausforderung, Modelle für die Prognose der Instant Payments zu kalibrieren, zumal die Zeitreihen in der Regel keine Phasen mit ausgeprägtem Stress beinhalten. Einige Institute experimentieren hier mit KI-basierten Prognosen.

Erste Erfahrungen zeigen, dass zwar im BAU die Einführung von SEPA Instant Payments bei den meisten Instituten nicht zu größeren Schwankungen der untertägigen Liquidität geführt hat. In einem Stressfall kann dies allerdings anders aussehen. Das gilt insbesondere, wenn dieser an einem Wochenende stattfindet und kurzfristige Liquiditätsquellen teilweise nicht zur Verfügung stehen. Zwar ist es grundsätzlich möglich, bei einem Engpass kurzfristig keine Instant Payments anzubieten, jedoch sollte das damit verbundene Reputationsrisiko bedacht werden, welches gerade während einer Vertrauenskrise einen Bankrun begünstigen kann.

In der Praxis bedeutet dies, dass Institute ein Intraday Liquidity-Monitoring und ein klar definiertes Limit-System inklusive Maßnahmen zur Wochenend-Resilienz etablieren, sowie Eskalations- und Entscheidungsprozesse für Zahlungsverkehrsbeschränkungen definieren und regelmäßig testen sollten.

Da ein zu groß bemessener Intraday Liquidity-Puffer Opportunitätskosten verursacht, muss eine Entscheidung zur konkreten Puffergröße abhängig vom Risikoappetit des Instituts getroffen werden. Ebenfalls berücksichtigt werden sollten solche Überlegungen bei der Ausgestaltung und Priorisierung von Maßnahmen des Liquiditätsnotfall- und Sanierungsplans. Die von der EZB im November 2024 veröffentlichen „Sound practices for managing intraday liquidity risk“ geben zudem eine gute Indikation bezüglich der aufsichtlichen Erwartungen zum untertägigen Liquiditätsrisiko im Allgemeinen und damit auch zu Instant Payments im Speziellen.

Digitaler Euro

Noch nicht ganz so akut wie SEPA Instant Payments, jedoch zunehmend konkret sind die Planungen der EZB zur Einführung eines digitalen Euros. Eine Übersicht zu dessen geplanter Ausgestaltung findet sich auf der Internetseite der EZB (https://www.ecb.europa.eu/euro/digital_euro/html/index.de.html).

Da Zahlungen mit dem Digitalen Euro ebenfalls instantan erfolgen, wird sich abhängig von seiner Marktdurchdringung als Zahlungsmittel damit die Bedeutung von Instant Payments weiter erhöhen.  Eine zusätzliche Dynamik kann zudem entstehen, wenn Wallet-Ökosysteme und Payment-Frontends Umschichtungen für Kunden weiter vereinfachen und damit die Geschwindigkeit potenzieller Abflüsse erhöhen.

Jedoch stellt der Digitale Euro nicht nur aus Intraday Liquiditätsrisikosicht eine Herausforderung dar, sondern grundsätzlicher für den Umgang mit Zahlungsverkehrskonten im Retailbereich.

Aus Liquiditätsrisikosteuerungssicht wird insbesondere die unmittelbare Einführungsphase spannend. Abhängig von der Akzeptanzquote der Kunden können die Abflüsse ggf. kurzfristig deutlich ansteigen, was in der Steuerung von LCR, NSFR und internen Limiten frühzeitig berücksichtigt werden sollte, um diese Kennzahlen stabil zu halten und die Kosten möglichst gering zu halten. Gerade Banken mit einer hohen Abhängigkeit von Zahlungsverkehrskonten in der Refinanzierung sollten sich bereits jetzt Gedanken über alternative Refinanzierungsquellen machen.

Zudem wird sich zeigen, ob das Digitale Euro Wallet als Konkurrenzprodukt zu klassischen Girokonten auch zu höheren Einlagenzinsen führen wird. Zumindest Negativzinsen werden sich deutlich schwerer an den Kunden weitergeben lassen und es ist nicht auszuschließen, dass zumindest einige Kunden eine Prämie erwarten, um ihr Geld auf einem Bankkonto zu belassen. Auch erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass sich der Bodensatz vieler Sichteinlagen weiter reduzieren wird, was nicht nur Auswirkungen auf das Liquiditätsrisiko, sondern auch auf das Zinsänderungsrisiko hat.

Neben der potenziellen Veränderung des Durationsprofils und der damit einhergehenden Neujustierung von Portfoliohedges, können abhängig von den aktuellen Zins- und Refinanzierungskonditionen zum Zeitpunkt der Einführung die NII-Verluste entsprechend ersten Proberechnungen durchaus materiell sein. Somit lohnt sich eine frühzeitige Anpassung der Bilanzstruktur ggf. unter Einbeziehung geeigneter Derivate.

Das Risiko, dass während eines Bankruns Einlagen in großem Umfang auf das Digitale Euro Wallet transferiert werden, versucht die EZB mit einem persönlichen Haltelimit von voraussichtlich 3000 Euro je Privatnutzer zu mitigieren. Daher stellt der Digitale Euro in dieser Form auch kein Konkurrenzprodukt zu Tages- und Termingeldern dar und ist im Wesentlichen als Zahlungsverkehrsmittel nicht jedoch als Wertaufbewahrungsmittel angelegt.

Spannend bleibt in diesem Kontext die weitere Entwicklung von privaten Stablecoins, die dieser Restriktion nicht unterliegen. Bisher hat sich noch keine Bargeldalternative herausgebildet, die hinreichend stabil ist und das notwendige Vertrauen genießt, um als ein echtes Konkurrenzprodukt zu Sichteinlagen in Frage zu kommen. Jedoch ist es bei der aktuell zu beobachtenden Dynamik nicht unwahrscheinlich, dass sich dies schnell ändert.  Spätestens dann wird man in der Liquiditäts- und Zinsrisikosteuerung nicht umhinkommen, einen Großteil der Sichteinlagen als täglich fällig anzunehmen.

Fazit

Wir stehen am Anfang eines grundlegenden Wandels im Zahlungsverkehr mit weitreichenden Auswirkungen auf die Banksteuerung. Liquiditätsrisikomanagement erfolgt zunehmend in Echtzeit und findet 24/7 statt, während Kundeneinagen den Charakter einer stabilen Refinanzierungsquelle und Grundlage zur Fristentransformation verlieren. Aktuelle Entwicklungen unter anderem im Kontext Digitaler Euro und Stablecoins haben das Potenzial den Wandel weiter zu beschleunigen. Banken sollten daher frühzeitig starten, ihre Steuerung und Bilanzstruktur auf die neuen Gegebenheiten hin zu optimieren.

Autoren

Dr. Adrian Schnitzler

Director
PwC GmbH WPG, Berlin

Dr. Philipp Schröder

Partner
PwC GmbH WPG, Frankfurt