Die zunehmende Verfügbarkeit großer Datenmengen und leistungsfähiger Machine-Learning-Verfahren hat die Finanzwirtschaft in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Insbesondere im Risikomanagement werden datengetriebene Modelle heute routinemäßig zur Prognose von Kreditrisiken, Marktbewegungen oder Betrugswahrscheinlichkeiten eingesetzt. Trotz hoher Vorhersagegenauigkeit stoßen klassische Machine-Learning-Ansätze jedoch an konzeptionelle Grenzen: Sie liefern Korrelationen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Gerade in regulierten Bereichen wie Banken und Versicherungen, in denen Entscheidungen erklärbar, stabil und steuerbar sein müssen, stellt dies ein erhebliches Problem dar. Causal AI – die Verbindung moderner Machine-Learning-Methoden mit kausaler Inferenz – verspricht hier einen Paradigmenwechsel [Feuerriegel und Spindler 2025]. Anstatt lediglich vergangene Muster fortzuschreiben, zielt Causal AI darauf ab, kausale Effekte zu schätzen und damit robuste Entscheidungsgrundlagen für Risiko-, Kapital- und Steuerungsfragen zu schaffen. Der Beitrag gibt eine Einführung in die Grundprinzipien von Causal AI und zeigt anhand ausgewählter Anwendungsfelder, welches Potenzial dieser Ansatz für das Risikomanagement und die Finanzpraxis bietet.
1. Von prädiktiver zu kausaler Modellierung
1.1 Grenzen klassischer Machine-Learning-Modelle im Finanzkontext
Klassische Machine-Learning-Modelle sind primär auf Prognoseoptimierung ausgelegt. Sie entdecken Muster in historischen Daten und nutzen diese zur Vorhersage, basierend auf Korrelationen. Typische Anwendungen im Risikomanagement sind etwa Kredit-Scoring-Modelle, Ausfallprognosen oder Value-at-Risk-Schätzungen.
Problematisch ist jedoch, dass solche Modelle implizit davon ausgehen, dass die zugrunde liegenden Muster stabil bleiben. Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld, regulatorische Eingriffe oder strategische Maßnahmen führen jedoch regelmäßig dazu, dass die Vorhersagegüte der Modelle zusammenbricht. In diesen Fällen verlieren rein korrelative Modelle schnell an Aussagekraft [Vgl. Pearl 2009].
1.2 Grundidee und Abgrenzung von Causal AI
Causal AI erweitert datengetriebene Verfahren um explizite Annahmen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Zentrales Ziel ist nicht die Vorhersage einer Zielvariablen an sich, sondern die Schätzung kausaler Effekte: Was passiert mit dem Risikoportfolio, wenn Zinssätze steigen? Wie verändert sich die Ausfallwahrscheinlichkeit, wenn Kreditvergaberichtlinien angepasst werden?
Methodisch stützt sich Causal AI auf formale Kausalmodelle, etwa gerichtete azyklische Graphen, sowie auf ökonometrische Konzepte wie Counterfactuals und Treatment-Effekte [Vgl. Imbens/Rubin 2015 und Chernozhukov et al. 2025, Schölkopf et al. 2021]. Moderne Ansätze kombinieren diese Konzepte mit Machine Learning, etwa in Form von Double Machine Learning oder Causal Forests [Vgl. Chernozhukov et al. 2018, Bach et al. 2022].
2. Anwendungsfelder im Risikomanagement und in Finance
2.1 Kredit- und Kontrahentenrisiken
Ein wichtiges Einsatzfeld von Causal AI liegt in der Analyse von Kreditrisiken. Während klassische Scoring-Modelle lediglich die Ausfallwahrscheinlichkeit prognostizieren, ermöglichen kausale Modelle Aussagen darüber, welche Faktoren den Ausfall tatsächlich verursachen.
So kann etwa untersucht werden, ob eine Zinserhöhung kausal zu höheren Ausfallraten führt oder ob beobachtete Zusammenhänge auf Selektionseffekte zurückzuführen sind. Dies ist insbesondere für die Gestaltung von Kreditrichtlinien und die Bewertung regulatorischer Maßnahmen relevant.
2.2 Markt- und Liquiditätsrisiken
Auch im Bereich von Markt- und Liquiditätsrisiken bietet Causal AI Mehrwert. Kausale Modelle erlauben die Simulation von Stressszenarien, bei denen gezielte Interventionen – etwa geldpolitische Maßnahmen oder Marktverwerfungen – analysiert werden.
Im Gegensatz zu rein historischen Stress-Tests können kausale Ansätze explizit berücksichtigen, wie Marktteilnehmer auf neue Informationen reagieren und wie sich diese Reaktionen auf Preise und Liquidität auswirken.
2.3 Regulatorische Anforderungen und Modellgovernance
Ein weiterer Vorteil von Causal AI liegt in der verbesserten Erklärbarkeit von Modellen. Regulatorische Rahmenwerke wie Basel III oder Solvency II verlangen zunehmend nachvollziehbare und robuste Risikomodelle.
Kausale Strukturen machen Annahmen explizit und erlauben eine transparente Diskussion von Modellrisiken. Damit kann Causal AI einen Beitrag zur besseren Modellgovernance und zur Reduktion von Modellunsicherheit leisten.
3. Abgrenzung zu interpretierbarem ML
In den letzten Jahren wurde interpretierbares Machinelles Lernen, auch explainable AI (xAI)) genannt, in der Industrie sehr populär. Hier ist es sehr wichtig, den Unterschied zu Causal AI zu verstehen. Interpretierbares Maschinelles Lernen macht die Korrelationsmuster, die sehr komplex sein können, transparent, und erklärt, warum eine Vorhersage getroffen wurde. Es kann aber keine kausalen Zusammenhänge aufdecken, also kann keine Fragen der Art beantworten: „Was ist der kausale Effekt von Variable X auf das Ergebnis?“
Fazit und Ausblick
Causal AI stellt einen wichtigen Entwicklungsschritt für das Risikomanagement und die Finanzwirtschaft dar. Während klassische Machine-Learning-Modelle vor allem auf Prognosegenauigkeit abzielen, ermöglicht der kausale Ansatz ein tieferes Verständnis der zugrunde liegenden Wirkmechanismen. Gerade in einem Umfeld zunehmender Unsicherheit, regulatorischer Anforderungen und struktureller Veränderungen gewinnt diese Perspektive an Bedeutung.
Auch sei angemerkt, dass es eine neue Entwicklung ist, Causal AI mit prädiktiven Modellen zu kombinieren. Häufig brechen prädiktive Modelle zusammen, wenn sie Situationen vorhersagen sollen, die atypisch für die Trainingsdaten sind. Hier liefert die Kombination mit Causal AI bessere, robustere Vorhersagen in „neuen“ Situationen, da die zugrunde liegenden Mechanismen gelernt werden, die sich dann auch verallgemeinern lassen.
Die vorgestellten Anwendungsbeispiele zeigen, dass Causal AI nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung bestehender Modelle zu verstehen ist. Ihr größter Mehrwert liegt dort, wo Entscheidungen aktiv gestaltet werden sollen – etwa bei der Anpassung von Kreditrichtlinien, der Bewertung regulatorischer Eingriffe oder der Simulation von Stressszenarien.
Mit der zunehmenden Reife kausaler Methoden und ihrer Integration in moderne Software-Werkzeuge wie bspw. DoubleML [Bach et al. 2022] ist zu erwarten, dass Causal AI in den kommenden Jahren verstärkt Einzug in die operative Finanzpraxis halten wird. Voraussetzung hierfür bleibt jedoch eine enge Verzahnung von ökonomischer Theorie, Datenkompetenz und regulatorischem Verständnis. Causal AI ist damit weniger ein rein technisches Instrument als vielmehr ein methodischer Rahmen für fundierte, verantwortungsvolle Entscheidungen im Finanzsystem.
Angrist, J. D./Pischke, J.-S. [2009]: Mostly Harmless Econometrics, Princeton 2009.
Athey, S./Imbens, G. W. [2016]: Recursive Partitioning for Heterogeneous Causal Effects, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 113/27, S. 7353–7360.
Bach, P., Chernozhukov, V., Kurz, M. S., and Spindler, M. [2022]: DoubleML – An Object-Oriented Implementation of Double Machine Learning in Python, Journal of Machine Learning Research, 23(53): 1-6, https://www.jmlr.org/papers/v23/21-0862.html.
Chernozhukov, V./Chetverikov, D./Demirer, M. et al. [2018]: Double/Debiased Machine Learning for Treatment and Structural Parameters, in: The Econometrics Journal 21/1, S. C1–C68.
Chernozhukov V./Hansen, C./Kallus, N./Spindler, M./ Syrgkanis, V. [2024]: Applied Causal Inference Powered by ML and AI. Causalml-book.org.
Feuerriegel, S./ Spindler, M. [2025]: Was die KI noch lernen muss. FAZ, 10. November 2025.
Imbens, G. W./Rubin, D. B. [2015]: Causal Inference for Statistics, Social, and Biomedical Sciences, Cambridge 2015.
Pearl, J. [2009]: Causality: Models, Reasoning, and Inference, 2. Aufl., Cambridge 2009.
Schölkopf, B./Locatello, F./Bauer, S. et al. [2021]: Toward Causal Representation Learning, in: Proceedings of the IEEE 109/5, S. 612–634.