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Finanzkriminalität und Geldwäsche stellen heute eine Bedrohung der Integrität der globalen Finanzsysteme dar. Die Ansiedlung der neuen EU-Behörde zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung (AMLA) in Frankfurt am Main ist ein Meilenstein für die europäische Finanzaufsicht und Regulatorik.

Zugleich und zunächst weniger offensichtlich ist sie Auftrag und Chance für den Finanzplatz Frankfurt, sich als europäisches Zentrum für Datenanalyse, die Entwicklung von KI-Anwendungen zur Bekämpfung von Finanzkriminalität und die entsprechende Ausbildung, Vernetzung und den Austausch der Experten zu etablieren.

Der vorliegende Beitrag wird sich mit den dazu notwendigen Voraussetzungen beschäftigen. Wenn Frankfurt seine Chance ergreift, kann die AMLA ihr regulatives und präventives Potenzial ausschöpfen und AML-Maßnahmen in ganz Europa und darüber hinaus stärken.

Kernstück des neuen AML/CFT Single Rulebook

Die AMLA bildet das Kernstück des neuen europäischen AML/CFT Single Rulebook, das im Wesentlichen drei Ziele verfolgt: Die Harmonisierung der Aufsicht, die Verbreiterung des Anwendungsbereichs, die Verstärkung der Sorgfaltspflichten für die überwachten Unternehmen, um die mit Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung verbundenen Risiken wirksam zu bewältigen. Die AMLA soll damit eine regulatorische Lücke schließen, die bisher durch in Teilen uneinheitliche Durchsetzung und geringe Kooperation zwischen den Mitgliedstaaten entstanden war. Insbesondere Fälle von grenzüberschreitender Geldwäsche und die wachsende Rolle von Kryptowährungen machen die Notwendigkeit einer zentralen Behörde deutlich.

Der Wirkungsbereich der AMLA als EU-Behörde geht über die Grenzen der EU hinaus. Als eine der drei weltweit wichtigsten Aufsichtsbehörden in der Geldwäschebekämpfung hat sie das Potenzial, globale AML-/CFT-Standards zu prägen und sich als eine im globalen Maßstab führende Autorität bei der Prävention von Finanzkriminalität zu etablieren. Eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft EY kommt zu dem Schluss, dass dieser Einfluss für Frankfurt eine einzigartige Gelegenheit darstelle, zur Entwicklung globaler AML-Grundsätze beizutragen und gleichzeitig seinen Status als herausragendes Finanzzentrum zu stärken.[1]

Verbesserungen im Risikomanagement und bei technischen Innovationen erwartet

Die erwähnte Studie enthält u.a. die Auswertung qualitativer Interviews, die mit Fachmitarbeitenden geführt wurden aus etwa 40 traditionellen Banken, NeoBanken, Zahlungsdienstleistern, Versicherern, Technologieunternehmen, staatlichen Institutionen und Universitäten aus zehn Ländern. Zusätzlich zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Finanzinstituten, Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden sowie von mehr Transparenz bei Eigentumsverhältnissen und Finanztransaktionen zur Identifizierung der wirtschaftlich Berechtigten (UBO) erwarten die Interviewten von der AMLA vor allem Verbesserungen im Risikomanagement und bei technischen Innovationen.

So soll die Einrichtung der AMLA zur Verbesserung der Koordination und der Vereinheitlichung der Risikomanagementpraktiken über den gesamten Finanzsektor hinweg führen. Durch die Übernahme eines risikobasierten Ansatzes könne die AMLA die Institute unterstützen, ihre Ressourcen besser auf die Bereiche mit den höchsten Risiken zu verteilen und die Einhaltung der Anforderungen insgesamt verbessern.

Eine weitere wichtige Forderung, wie sie sich aus den Befragungen der Studie ergab, ist die entscheidende Rolle der AMLA bei der Förderung technologischer Innovationen wie Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, um mit der sich entwickelnden Finanzkriminalität Schritt zu halten. Die Interviewten empfehlen Investitionen der Institute vorrangig in Technologien zur Stärkung ihrer AML-Kompetenzen und innovative Lösungen, einschließlich der grenz- und institutsüberschreitenden Echtzeit-Überwachung.[2]

Koordiniertes Vorgehen am Finanzplatz

Um diese sinnvollen und für die AMLA zielführenden Erwartungen zu erfüllen, bedarf es eines koordinierten Vorgehens unter Einbeziehung von Politik, Forschung und Lehre und der Wirtschaft in Frankfurt, aber auch darüber hinaus.

Wichtig – und vornehmlich eine Aufgabe der Politik – ist der möglichst reibungslose Zuzug von Fachkräften zur AMLA. Dabei ist etwa an schlanke Visa-Verfahren für die Erteilung von Arbeitserlaubnissen zu denken. Ein Vorschlag ist, das Antragsverfahren für die Aufenthaltsgenehmigung zu vereinfachen, um Talente wirksamer anzuwerben, zu binden und Frankfurt als europäische Drehscheibe für die Geldwäschebekämpfung zu positionieren.

Darüber hinaus ist der akademische Sektor in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet gefordert, das Finanzzentrum zu einem lebendigen, von fortschrittlichen Technologien getriebenem Ökosystem zur Geldwäschebekämpfung zu entwickeln und so dazu beizutragen, dass die AMLA ihr Potenzial ausschöpfen kann. Beispielsweise sollten Universitäten mehr Studiengänge, Zertifizierungs- und Ausbildungsprogramme mit Bezug zur AMLA und der Bekämpfung von Finanzkriminalität anbieten. Darüber hinaus sollte auch das Angebot internationaler Schulen erweitert werden, um den Standort der AMLA für Fachkräfte und deren Familien aus dem nicht-deutschsprachigen Raum attraktiv zu machen.

Die Wirtschaft, sprich Unternehmen und Organisationen, sollte sich für die Zukunft der Bekämpfung von Finanzkriminalität wappnen, sich neuen Möglichkeiten – technischen wie organisatorischen – öffnen und die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen. Startups im Bereich FinTech sollte sich in Frankfurt die Gelegenheit bieten, sogenannte Regulatory Sandboxes zu nutzen, um Technologien und Geschäftsmodelle zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung zu entwickeln und zu testen.

Fazit

Frankfurt beherbergt bereits zentrale Institutionen wie EZB, Bundesbank, BaFin, EIOPA und mehr als 200 internationale Finanzinstitute. Diese Konzentration schafft ein einzigartiges Aufsichts- und Wissensökosystem, das die AMLA optimal integrieren kann und das umgekehrt von der AMLA profitiert.

Auf dem Arbeitsmarkt ergeben sich erhebliche Effekte in den Bereichen Finanzdienstleistung, Technologie, Recht und Forschung. Der Multiplikatoreffekt könnte, ähnlich wie bei Brexit-bedingten Verlagerungen, zu einem dreifachen bis achtfachen Beschäftigungszuwachs in verwandten Branchen mit entsprechenden Mehreinnahmen etwa bei der Gewerbesteuer führen.

Die Chance für den Finanzplatz Frankfurt durch die Ansiedlung der AMLA liegt darin, die bereits etablierte Rolle als europäisches Zentrum für Regulierung, Finanzstabilität und Risikobewertung auszubauen und zusätzliche Anstrengungen in Richtung Internationalisierung und Technologisierung zu unternehmen, mit dem Ziel eines der weltweit führenden Fachzentren für die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung zu werden.

Die erfolgreiche Integration der AMLA in das Frankfurter Finanzökosystem könnte nicht nur europaweit neue Maßstäbe in der Bekämpfung von Finanzkriminalität setzen, sondern auch Frankfurts Status als ein global führendes Zentrum für Finanzaufsicht, Compliance und Innovation nachhaltig festigen.


[1] „Die neuen AML-Vorgaben für strategische Innovationen nutzen. Die Rolle der AMLA.“ Eine Studie von EY und Frankfurt Main Finance. S.17. Download unter: https://frankfurt-main-finance.com/die-neuen-aml-vorgaben-fuer-strategische-innovationen-nutzen/

[2] Ebd. S.5

Autor

Oliver Behrens

Mitglied des Vorstands Präsident
Frankfurt Main Finance