Institutionelle Anleger mit langlaufenden Verbindlichkeiten und illiquiden Anlagen sind strukturell erhöhten Liquiditätsrisiken ausgesetzt, insbesondere wenn Kapitalabrufe oder andere Zahlungsverpflichtungen auf Phasen mit Marktstress und fallenden Vermögenspreisen treffen. Die nachfolgend dargestellte Methodik beschreibt ein statistisch fundiertes, vintage‑diversifiziertes Kapitalabrufmodell, das Investoren ermöglicht, Liquiditätspuffer so zu bemessen, dass Zwangsverkäufe vermieden werden, ohne unnötig hohe Barbestände zu halten.
Hintergrund und Motivation
Große institutionelle Anleger mit festen Auszahlungsprofilen und ohne verlässliche externe Zuflüsse (z. B. Stiftungen, Staatsfonds, Endowments) verfolgen ihre Ziele über Multi‑Asset‑Portfolios mit liquiden und illiquiden Anlagen. In Marktkrisen können fallende Kurse, fällige Verbindlichkeiten und Kapitalabrufe aus Private‑Market‑Fonds zu erheblichen Finanzierungsengpässen und Zwangsverkäufen führen [Franzoni et al. 2012].
Während der globalen Finanzkrise sanken Ausschüttungen deutlich, während Kapitalabrufe anstiegen, wodurch Liquiditätslücken für Limited Partners entstanden. Kapitalabrufe tendieren dazu, gerade dann zuzunehmen, wenn öffentliche Märkte fallen oder Unsicherheit steigt [Maurin et al. 2023]. Empirische Analysen früherer Krisen zeigen, dass Kapitalabrufmuster um starke Markteinbrüche deutlich von langfristigen Durchschnittswerten abweichen können und Ausschüttungen aus Private‑Equity‑Fonds gleichzeitig stark zurückgehen [O’Shea 2025]. Für Investoren mit festgelegten Auszahlungsprofilen bedeutet dies, dass ein effektives Liquiditätsrisikomanagement nicht allein auf historischen Mittelwerten beruhen darf, sondern Stressszenarien und Interaktionen aus Asset‑Liability‑Management (ALM) einbeziehen muss.
Liquiditätsrisiko im ALM‑Kontext
Im Rahmen des ALMs ergeben sich drei Hauptquellen des Liquiditätsbedarfs: laufende Betriebsausgaben, langfristig vertraglich festgelegte Zahlungen und unsichere Kapitalabrufe aus illiquiden Zusagen. Ausgaben und Verbindlichkeiten lassen sich meist über Jahre prognostizieren und durch den liquiden Portfolioteil kurzfristig finanzieren, dessen übliche Abwicklungsfristen von wenigen Tagen eine rechtzeitige Reallokation ermöglichen.
Best Practice ist der Aufbau einer vorausschauenden Liquiditätsleiter, die sichere Abflüsse abbildet, Puffer vorsieht und regelmäßige Stresstests beinhaltet. Solche Werkzeuge funktionieren gut für planbare Cashflows, sind jedoch weniger geeignet für Kapitalabrufe, deren Zeitpunkt und Höhe naturgemäß stochastisch und fondsabhängig sind.
Daten und J‑Kurven‑Modellierung
Private‑Equity‑Fonds folgen typischerweise einer J‑Kurve: In den ersten Jahren dominieren Kapitalabrufe, die Netto‑Cashflows sind negativ; Ausschüttungen aus Exits oder Rekapitalisierungen erfolgen meist erst nach mehreren Jahren [Cumming et al. 2005].
Für die Analyse wird ein breiter Datenset von Netto‑Kapitalflüssen aus der Preqin‑Datenbank verwendet, der Fonds‑Cashflow‑Daten für Private Equity, Private Debt, Infrastruktur und Immobilien über verschiedene Jahrgänge und Regionen enthält (Quelle: Preqin, Teil von BlackRock) [Preqin 2025]. Die Fonds werden nach Vintage und Fondsalter ausgerichtet und über Strategien aggregiert, um die empirische Verteilung der Netto‑Kapitalflüsse (Kapitalabrufe minus Ausschüttungen) je Vintage und Fondsalter zu schätzen (Abbildung 1). Das resultierende Profil entspricht der typischen J‑Kurve: Nettoabflüsse erreichen in den ersten drei bis fünf Jahren nach Fondsauflage ihren Höhepunkt und nähern sich mit zunehmendem Alter der Neutralität, bevor sie positiv werden, sobald Ausschüttungen überwiegen. Für Investoren ohne Diversifikation über alle Private‑Asset‑Klassen empfiehlt sich eine separate Kalibrierung, da Steigung und Timing der J‑Kurve je Strategie deutlich variieren können.

VINTAGE‑DIVERSIFIKATION
Eine einfache Anwendung der J‑Kurve eines Einzelfonds auf ein Gesamtportfolio würde den Liquiditätsbedarf überschätzen, da Diversifikation über Jahrgänge ignoriert wird. Studien zeigen erhebliche Unterschiede in Performance und Cashflow‑Profilen je Vintage, bedingt durch zyklische Einstiegsbewertungen und Exit‑Umfelder [Rudin et al. 2019]. Eine breite Streuung über Jahrgänge glättet diese Zyklen und reduziert das Timing‑Risiko.
Zur Quantifizierung werden paarweise Korrelationen jährlicher Nettokapitalflüsse verschiedener Jahrgänge geschätzt, was eine Vintage‑Korrelationstabelle ergibt (Abbildung 2). Flüsse benachbarter Jahrgänge sind positiv korreliert, was gemeinsame Makrobedingungen widerspiegelt; mit zunehmendem Abstand sinken die Korrelationen deutlich – im Einklang mit der Annahme, dass unterschiedliche Fondsjahrgänge verschiedene Phasen des Konjunkturzyklus erleben.

Eine illustrative Simulation betrachtet einen Investor, der jährlich denselben Betrag in einen neuen Vintage investiert und so eine gleichmäßig gestaffelte Reihe von Jahrgängen aufbaut (Abbildung 3). In den ersten Jahren bleiben die aggregierten Nettokapitalflüsse negativ, verbessern sich jedoch mit Reife des Portfolios. Bereits bei neun aktiven Jahrgängen wird der erwartete Nettocashflow positiv; bei elf Jahrgängen ist selbst das 95 %-Value‑at‑Risk positiv, während das 99 %-Quantil der Nettoabflüsse gering bleibt. Damit zeigt sich quantitativ, wie Vintage‑Diversifikation das Liquiditätsprofil eines illiquiden Portfolios von anfänglich abflussdominiert zu einer langfristigen Nettoliquiditätsquelle für die Institution transformiert.

Folgerungen für das Liquiditätsrisikomanagement
Die Kombination aus empirischer J‑Kurven‑Schätzung, Vintage‑Korrelationen und Portfolio‑Simulation erlaubt institutionellen Investoren, Liquiditätspuffer passend zu ihrem ALM‑Kontext zu kalibrieren.
Für Betriebsausgaben und planbare Verbindlichkeiten können Puffer über deterministische Projektionen mit konservativen Stressaufschlägen definiert und hauptsächlich aus dem liquiden Portfolio finanziert werden. Für Kapitalabrufe erfolgt die Dimensionierung auf Basis der simulierten Verteilung der Nettoströme, mit Zielgrößen auf hohem Konfidenzniveau (≥ 95%) über die relevanten Zeithorizonte.
Für den Anwendungsfall von KENFO – einer großen Stiftung mit langfristigen Verbindlichkeiten und erheblicher Anlagequote in Private-Market-Fonds – war eine zusätzliche Komponente nötig, welche die Zahlungen für die nukleare Endlagerung betrifft. Diese sind aufgrund der Zehn‑Jahres‑Planung der Bundesgesellschaften weitgehend stabil, können jedoch unerwartete Zusatzbeträge umfassen. Ein Beispiel ist das „Projekt Metall“, bei dem 2021 eine zusätzliche Zahlung von 390 Mio. EUR an ORANO geleistet wurde, um langfristig Kosten zu sparen und den Zeitplan der Aufbereitung anzupassen. Eine flexible Liquiditätsreserve und eine abgestufte Liquidationsreihenfolge gewährleisten, dass veränderte illiquide Zusagen und ungeplante Entsorgungskosten mit der Zahlungsfähigkeit der Stiftung vereinbar bleiben. Gleichzeitig vermeidet das Modell übermäßige Liquiditätshaltung und reduziert Cash Drag durch explizite Berücksichtigung von Diversifikation über Jahrgänge und Anlageklassen – was eine effizientere langfristige Anlagestrategie unterstützt. Für KENFO führt die Modellierung der Vintage‑Diversifikation zu einer Reduktion des notwendigen Liquiditätspuffers um rund 900 Mio. EUR gegenüber einem undiversifizierten oder unabhängigen Ansatz.
Cumming, D./Fleming, G./Schwienbacher, A. [2005]: Liquidity risk and venture capital finance, in: Financial Management 34(4)/2005, Seiten 77–105
Franzoni, F./Nowak, E./Phalippou, L. [2012]: Private equity performance and liquidity risk, in: The Journal of Finance 67(6)/2012, Seiten 2341–2373
Maurin, V./Robinson, D. T./Strömberg, P. [2023]: A theory of liquidity in private equity, in: Management Science 69(10)/2023, Seiten 5740–5771
O’Shea, L. [2025]: An Inconvenient Call: Capital Calls During a Crisis, in: MSCI Research & Insights, Quick Take, New York 2025
https://www.msci.com/research-and-insights/quick-take/an-inconvenient-call-capital-calls-during-a-crisis
Preqin [2025]: Private Capital Performance: Data Guide, London 2025
https://docs.preqin.com/pro/Private-Capital-Performance-Guide.pdf
Rudin, A./Mao, J./Zhang, N. R./Fink, A.-M. [2019]: Private equity program breadth and strategic asset allocation, in: The Journal of Private Equity 22(2)/2019, Seiten 19–26