Warum Europa Banken-Champions braucht, aber nationale Zwerge bekommt
Vor 26 Jahren hat der Europäische Rat in Lissabon im März 2000 ein ehrgeiziges Ziel formuliert: Die EU sollte zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt werden. Heute zeigt der Global Competitiveness Index (GCI) eine enorme Aufholjagd Chinas seit 2000, das jetzt auf Europa aufgeschlossen hat. An der Spitze liegt nach wie vor die USA. Europa stagnierte.
Die Stagnation der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich nicht nur im Bereich der Künstlichen Intelligenz, wo Europa im Wettbewerb mit China und den USA momentan fast gar keine Rolle spielt. Es zeigt sich auch in der Finanzindustrie. Dieses Papier zeigt am Beispiel der Übernahme der Mailänder Mediobanca durch die toskanische Banca Monte dei Paschi di Siena (BMPS) im September 2025, wie der Mangel eines einheitlichen europäischen Kapitalmarktes nationale Konsolidierungen fördert und so die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken weiter schwächt.
Eigentlich würde sich gerade der europäische Kapitalmarkt dafür eignen, durch Harmonisierung Wachstumsoptionen und damit Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen. Kurz vor Lissabon hat man in Europa im Jahr 1999 die nationalen Egoismen auf eine wirklich kühne Art und Weise überwunden und eine gemeinsame Währung eingeführt, den Euro. Ohne wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wird die politische Selbstbestimmtheit zwischen den Blöcken China, USA und Russland immer schwieriger für die Europäerinnen und Europäer. Dieses Papier hier hat sich zum Ziel gesetzt zu zeigen, wie sehr die mangelnde europäischen Wettbewerbsfähigkeit im Bankensektor zu nationalstaatlichem Denken führt. Und damit seine Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtert.
Die Motivation für die Übernahme
Am 24. Januar 2025 wurde von der toskanischen BMPS verkündet, dass sie die zum damaligen Zeitpunkt wesentlich größere Mediobanca aus Mailand übernehmen möchte. Diese Ankündigung war in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens war die Banca Monte die Paschi die Siena (BMPS) mit einer Kapitalisierung in Höhe von etwa 8 Mrd € zum damaligen Zeitpunkt wesentlich kleiner als die Mediobanca, die einen Marktwert von etwa 13 Mrd € aufwies. Zweitens wurde die BMPS – die älteste Bank Italiens – kurz vorher zwischen 2017 und 2022 durch den italienischen Staat vor dem Untergang gerettet. Drittens unterstütze die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni die Übernahme und zwar mit dem Hintergedanken, dass dadurch ein italienischer Champion (kein europäischer Champion) geschaffen würde – neben Intesa Sanpaolo und der UniCredit. Denn die Mediobanca verfügt über einen 13% Anteil an der Assicurazioni Generali, eine der größten Versicherungen in Europa. Dieser Anteil würde im Erfolgsfall zur BMPS gehören und könnte zur inner-italienischen Konsolidierung eingesetzt werden. Viertens, im Jahr 2024 versuchte die französische AXA auf dem italienischen Markt Fuß zu fassen, indem sie eine Übernahme von Teilgeschäften der BMPS anbot, was offensichtlich ebenfalls politisch verhindert werden sollte.
Die Übernahme der Mediobanca durch die Banca Monte die Paschi di Siena (BMPS)
Die Übernahme der Mediobanca durch die BMPS konnte im Verlaufe des September 2025 dennoch erfolgreich beendet werden. Möglich wurde das durch die Emission von etwa 1,8 Mrd neuen Aktien der BMPS, davon etwa 1,3 Mrd am 17.9.2025 und weitere 500 Millionen bis Ende September. Die Anzahl der Aktien der MBPS hat sich dadurch um den Faktor 2,4 vervielfacht. Insgesamt bot die MBPS 2.533 ihrer eigenen neuen Aktien plus 90 Cent für jede Mediobanca Aktie. Die BMPS verwendet also 1,8 Mrd neue Aktien und tauscht sie in etwa 702 Millionen der insgesamt 800 Millionen Mediobanca Aktien. Damit erreicht sie einen Anteil an der Mediobanca in Höhe von 86,3%, wobei der Wert der BMPS (inkl. Mediobanca) von ursprünglich 8 Milliarden € auf etwa 23 Milliarden € Anfang Oktober stieg. Offensichtlich waren die Altaktionäre der Mediobanca gewillt, ihre Aktien einzutauschen. Einerseits wegen erheblicher steuerlichen Verlustvorträge; die Webseite de.marketscreener.com berichtet von einem Kapitalwertgewinn in Höhe von 1,2 Mrd € für die andienenden Mediobanca Aktionäre. Außerdem sorgte die Equity Story rund um die Generali vermutlich für Kursphantasie.
Heute ein Jahr nach der Ankündigung der Übernahme ist die Banca Monte die Paschi di Siena etwa 28 Mrd € wert und damit mehr als 3 mal so viel wie vor einem Jahr. Auch der Wert der Mediobanca ist um etwa 20% angestiegen. Es wurden insgesamt mehr als 10 Mrd € an Wert geschaffen. Was sich ja nicht wenig anhört. Dennoch ist die Transaktion nicht mehr als ein verzweifelter Versuch, den unbedeutend gewordenen europäischen Banken etwas mehr Bedeutung zu geben.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt
Tabelle 1 zeigt die Eigentumsverhältnisse bei den drei italienischen Finanzinstitutionen. Am 4. Dezember 2025 berichtet das Handelsblatt über den Verdacht, dass sich Delfin und Caltagirone zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden der BMPS Luigi Lovaglio abgesprochen hätten und somit den Markt manipuliert hätten. Dafür spricht, dass der Börsenkurs der BMPS zunächst nach dem 24. Januar 2025 um 11% sank, der der Mediobanca allerdings um 7% stieg, was durchaus als initiale Zweifel des Marktes an der angekündigten Übernahme unter fairen Bedingungen interpretiert werden kann. Zudem hielten beide auch an der BMPS substantielle Anteile, die sie im November 2023 und November 2024 vom italienische Staat gekauft haben (siehe www.marketscreener.com).

Ein neuer italienischer Champion bleibt international bedeutungslos
Auch wenn die Übernahme erfolgreich war, die Marktbewertungen bleiben provinziell niedrig. Die US – Bank JP Morgan Chase weist eine Marktkapitalisierung von etwa $ 800 Mrd. auf und damit etwa 30 mal mehr als die BMPS nach der kühnen Übernahme der Mediobanca. Noch in den 1990er- und 2000er-Jahren zählten europäische Banken zu den globalen Champions, wenn man die Marktkapitalisierung betrachtete. Heute befinden sich unter den wertvollsten Banken der Welt ausschließlich US-amerikanische und chinesische Institute. Dieser dramatische Bedeutungsverlust Europas liegt nicht zuletzt im erlahmenden Enthusiasmus über die europäische Einigung nach dem Ende der 90er Jahre. Europäische Banken haben bei Weitem weniger Geschäftsmöglichkeiten als Banken in China du den USA, weil der Markt hier vollkommen zerklüftet ist. Gleichzeitig ist die europäische Regulierung wesentlich einschränkender als die amerikanische. US-Banken werden deshalb wie Wachstumsunternehmen bewertet – europäische Banken dagegen wie regulierte Versorger. Dazu kommt, dass ein hohes Eigenkapital durch strikte Regulierung dennoch nicht vor dem Zusammenbruch schützt. Die Credit Suisse scheiterte 2024 nicht an Eigenkapitalmangel, sondern an Vertrauensverlust. Übernahmen europäischer Banken durch Banken aus China oder den USA sind heute wahrscheinlicher denn je, und damit ein Verlust europäischer Souveränität.
Aus Sorge um die heimische Wirtschaftsversorgung fördern europäische Regierungen nationale statt europäische Banken-Champions – nachvollziehbarerweise. Italien fusioniert Monte dei Paschi und Mediobanca, Deutschland blockiert UniCredit bei der Commerzbank, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das ist zwar regional nachvollziehbar, aber schädlich für Europas globale Wettbewerbsfähigkeit.
Fazit
Europa kann wird nicht wettbewerbsfähig durch Regulierung. Es braucht mehr vom Mut und der Kühnheit der 90er Jahre. Die Chancen des riesengroßen europäischen Marktes sind viel höher als die Risiken, die daraus erwachsen. Auch unsere Demokratie ist ein unschätzbarer Wert, den man mit wirtschaftlicher Stärke verteidigen muss und nicht mit Regulierungen und Bedenken. Wir brauchen mehr Wettbewerbsfähigkeit, um den freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen European Way of Life zu erhalten. So wird auch die europäische Finanzindustrie wieder relevant. Und alle anderen Industrien auch.