Zur 12. FIRM-Forschungskonferenz haben sich zahlreiche Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft in der Frankfurt School getroffen. Moderiert von den Beiratsvorsitzenden Prof. Dr. Günter Franke und Dr. Wilfried Paus, gab es zu drei für die Unternehmensführung und das Risikomanagement wichtigen Themenfeldern Vorträge und Diskussionen: Risikokultur, ESG und Cyberrisiken.
Den Auftakt machte FIRM-CEO Gerold Grasshoff mit einem Überblick zu den FIRM-Themenschwerpunkten 2025. Geopolitische Risiken stehen ganz oben auf der Agenda, ESG bleibt ein Dauerthema, Cyberrisiken rücken immer stärker in den Fokus. Die FIRM-Round-Tables sind weiterhin in den Bereichen Future of Regulation, Liquiditätsrisiken, Compliance und Geldwäsche sowie Payments aktiv. Mit welchen Schwerpunkten sich die einzelnen Round Tables beschäftigen, zeigt die anhängende Präsentation.
Die weitere Konferenzagenda folgte der Struktur: Vortrag und je ein Diskussionsbeitrag aus Praxis und Wissenschaft.
1. Vortrag:
Risikokultur messbar machen – ein Erfahrungsbericht aus Wissenschaft und Praxis
Im ersten Vortrag gingen Prof. Dr. Jennifer Kunz (Universität Augsburg), Niclas Dürst (Aeiforia GmbH) und Tim Schreckenast (Debeka Bausparkasse) der Frage nach, wie Risikokultur nicht nur definiert, sondern auch gemessen, gesteuert und nachhaltig in der Organisation verankert werden kann. Hierzu stellten sie ein gemeinsames Projekt vor, das sowohl wissenschaftlich fundiert als auch praxisnah ist.
Das entsprechende Transformationsprojekt durchlief vier Phasen: von der gemeinsamen Begriffsdefinition über eine strukturierte Ist-Stand-Erhebung mit Abgleich der Ergebnisse aus der MitarbeiterInnenbefragung bis hin zur Entwicklung und Umsetzung konkreter Maßnahmen. Ein zentraler Erfolgsfaktor war dabei die Kommunikation – mit klarer Führungsvorbildfunktion und vielfältigen internen Formaten.
Das Ergebnis: Risikokultur wurde als kontinuierliches Entwicklungsfeld im Unternehmen etabliert. Der Ansatz ist wissenschaftlich fundiert, praxisnah und lässt sich auch in anderen Instituten anwenden – als strategischer Beitrag zu mehr Resilienz und Vertrauen.
Das zugrunde liegende Paper zur Skala wurde kürzlich im internationalen Fachjournal Abacus unter dem Titel „The Risk Culture Scale: A Measurement Tool to Comprehensively Assess Banks’ Risk Culture“ veröffentlicht.
Dort ist auch der im Vortrag vorgestellte Fragebogen öffentlich zugänglich und kann frei genutzt werden. Die Autoren freuen sich bei Interesse dennoch über eine Kontaktaufnahme – sei es für den wissenschaftlichen Austausch, Rückfragen zur Anwendung oder weiterführende Gespräche in der Praxis.
Die Diskussion zum Vortrag übernahmen Dr. Bina Lehmann (Deutsche Bank) und Prof. Dr. Natalie Packham (Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin). Lehmann wies darauf hin, dass Kultur schwer messbar ist. Ein aktiver und offener Umgang mit Fehlern im Unternehmen sei eine wichtige Voraussetzung, um eine gute Kultur zu fördern. Auch brauche es gute Kooperation mit den Mitarbeitenden.
Packham ordnete das Thema Risikokultur in einen breiteren wissenschaftlichen Kontext ein. Sie betonte die Bedeutung einer theoretisch fundierten Definition und zeigte, wie sich Risikokultur über Skalen, Textanalysen und externe Daten messbar machen lässt. Zudem verwies sie auf empirische Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen Risikokultur-Indikatoren und Stresstestergebnissen nachweisen.
2. Vortrag:
Zentrale Aufgaben und zukünftige
Entwicklung des ISSB
Der zweite Vortrag von ISSB-Mitglied Jenny Bofinger-Schuster gab einen Überblick über die Entstehung, Arbeitsweise und strategische Ausrichtung des International Sustainability Standards Board (ISSB). Ausgangspunkt war die hohe Nachfrage von InvestorInnen, Unternehmen und politischen EntscheidungsträgerInnen (z. B. G20, G7, IOSCO) nach vergleichbaren, entscheidungsrelevanten Nachhaltigkeitsinformationen sowie das Ziel, die Vielzahl freiwilliger Initiativen („Alphabet-Suppe“) zu konsolidieren.
Im Zentrum stehen die ersten beiden ISSB-Standards: IFRS S1 mit den allgemeinen Offenlegungspflichten zu allen wesentlichen Nachhaltigkeitsrisiken und -chancen sowie IFRS S2 mit spezifischen Vorgaben zum Thema Klima. Sie bilden eine globale Berichtsgrundlage, die durch nationale Anforderungen ergänzt werden kann („Global Baseline“ und „Building Blocks“-Ansatz).
Beide Standards basieren auf den TCFD-Empfehlungen und ermöglichen auch die Nutzung der SASB-Standards zur branchenspezifischen Berichterstattung.
Für die kommenden Jahre setzt der ISSB den Fokus auf die Implementierungsunterstützung von S1 und S2, die Weiterentwicklung der SASB-Standards sowie neue Projekte in den Bereichen Biodiversität und Humankapital. Zentrale Prinzipien dabei sind Markt- und Investorenorientierung, Einfachheit, Kosteneffizienz und globale Vergleichbarkeit.
Markus Quick von KPMG und Prof. Dr. Katharina Hombach von der Goethe-Universität diskutierten den Vortrag. Quick ging der Frage nach, wie Banken mit den Standards umgehen sollen und was dies für die ESG-Risikoinventur bedeutet. Für die Analyse, was das Risikoprofil einer Bank treibe, fehlten noch immer die Qualität und Granularität der Daten. Dabei sei dies entscheidend, um die Auswirkungen auf das Kreditrisiko umfassend zu beurteilen. Das Ziel des ISSB, weltweit einheitliche Standards für Unternehmen und Banken zu schaffen, leiste einen hohen Wertbeitrag.
Hombach ergänzte den Vortrag mit empirischen Ergebnissen aus über 450 Nachhaltigkeitsberichten, die im Kontext der europäischen CSRD entstanden sind. Sie zeigte: Zwar steigt der Umfang der Berichterstattung mit zunehmender Standardisierung, doch der Effekt ist keineswegs einheitlich. Vielmehr variiert der Detailgrad erheblich zwischen Unternehmen. Entscheidender als der Umfang sei jedoch die Struktur: Einheitliche Vorgaben und ein zentrales Dokument erleichtern die Vergleichbarkeit und Transparenz erheblich.
3. Vortrag:
Wie Analysten ESG-Verstöße bewerten –
und was Materialität damit zu tun hat
FinanzanalystInnen gelten als wichtige Gatekeeper an den Kapitalmärkten – ihre Einschätzungen prägen Marktmeinungen, Medienberichte und Investorenentscheidungen. Doch wie fließen ESG-Verstöße in ihre Bewertungen ein? Dieser Frage ging Prof. Dr. Fabian Woebbeking vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im dritten Vortrag nach – mit einer fundierten Analyse von über 190.000 Kurszielprognosen für Unternehmen des S&P 500 im Zeitraum von 2007 bis 2020.
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse über das Zusammenspiel von ESG-Materialität, Marktkommunikation und Analystenverhalten – und zeigt, wie regulatorische Standards wie SASB nicht nur Transparenz schaffen, sondern auch die Marktlogik verändern können. Im Zentrum steht die Frage, ob AnalystInnen ESG-Verstöße generell negativ bewerten oder zwischen finanziell wesentlichen und weniger bedeutsamen Ereignissen unterscheiden. Mithilfe der branchenspezifischen Materialitätsdefinitionen des Sustainability Accounting Standards Board (SASB) zeigt sich: Vor der Einführung der SASB-Klassifikationen (2013 bis 2016) wurde kaum differenziert. Nach der Einführung jedoch sank die Relevanz nicht-materieller ESG-Vorfälle spürbar – Kurszielkorrekturen erfolgten im Schnitt nur noch bei materiell eingestuften Verstößen.
In der Diskussion betonte Maik Heringhaus (KfW), dass solche selektiven Reaktionen aus Analystensicht nachvollziehbar seien – aus Sicht eines Förderinstituts jedoch nicht ausreichen. Denn ESG-Risiken sind oft langfristig wirksam, schwer monetarisierbar und gerade in weniger kapitalmarktorientierten Bereichen dennoch relevant für die Bonität. Heringhaus plädierte deshalb für eine erweiterte Perspektive, in der auch nicht-finanzielle Risiken strukturiert berücksichtigt werden.
Dr. Sebastian Rink (Frankfurt School) ergänzte die Debatte mit der Frage, ob das beobachtete Verhalten der AnalystInnen tatsächlich ein Effekt der SASB-Klassifikationen sei – oder vielmehr Ausdruck eines allgemein wachsenden Verständnisses von ESG-Materialität. Er regte an, auch andere Klassifikationen als Kontrollgruppe zu prüfen, um die Interpretation der Ergebnisse zu schärfen. Darüber hinaus warf er die Frage auf, ob die unveränderte Prognosegenauigkeit nicht auch darauf hindeuten könnte, dass die Definition finanzieller Materialität selbst überdacht werden müsse.
4. Vortrag:
Nachhaltigkeit – Chance oder Untergang
Ingo Speich (Deka Investments) sprach über die strategische Bedeutung nachhaltiger Geldanlage im aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Umfeld. Nachhaltigkeit sei kein Trend, sondern ein dauerhaftes Gestaltungsprinzip – und zugleich ein wachsender Teil des europäischen Kapitalmarkts: Allein im Jahr 2024 stieg das Fondsvolumen nachhaltiger Produkte gemäß EU-Offenlegungsverordnung weiter an.
Speich betonte die Relevanz der sogenannten „planetarischen Dreifachkrise“ – Klimawandel, Umweltzerstörung und Verschmutzung – sowie die damit verbundenen physischen und transitorischen Risiken für Investoren. Zugleich zeichnete er ein Bild zunehmender Regulierung auf EU-Ebene und divergierender Entwicklungen zwischen Europa und den USA.
Ein zentrales Element des Vortrags war die doppelte Wesentlichkeit: Nachhaltigkeit sei sowohl aus Risiko- als auch aus Wirkungsperspektive zu betrachten. Die Deka setze auf ein mehrstufiges ESG-Risikomodell, das unter anderem auf Frühwarnsystemen, klaren Ausschlusskriterien und aktiver Einflussnahme („Engagement“) beruht. Speich plädierte für einen konstruktiven Dialog mit Unternehmen – Divestment sei für die Deka nur das letzte Mittel.
Seine zentrale Botschaft: Nachhaltige Geldanlage kann nur dann Wirkung entfalten, wenn sie systematisch, datenbasiert und mit klarer Governance verankert ist – und wenn InvestorInnen bereit sind, Verantwortung aktiv zu übernehmen.
Diskutiert wurde der Beitrag von Carsten Auel (Deloitte) und Prof. Dr. Erik Theissen (Universität Mannheim). Auel sprach über die aufsichtsrechtlichen Anforderungen. Der Fokus in den vergangenen Jahren lag auf Transparenz und Datenbeschaffung, aber zu wenig auf der Frage, wie Nachhaltigkeit ins Risikomanagement integriert wird. Auch brauche es für die Zukunft eine stärkere Vernetzung zwischen Real- und Finanzwirtschaft.
Theissen ergänzte eine ökonomische Einordnung: Nachhaltige Investments führten – aufgrund höherer Bewertung „grüner“ Unternehmen – im Gleichgewicht zu niedrigeren erwarteten Renditen, entgegen der Feststellung von Speich, dass die ESG-Renditen hoch seien.
Theissen plädierte deshalb für eine ehrliche Abwägung zwischen ESG-Wirkung und Rendite – und für neue regulatorische Ansätze, die ESG-Wirkung dort zu maximieren, wo sie am größten ist: Mitunter gerade bei „braunen“ Unternehmen, die sich transformieren müssen.
5. Vortrag:
Wie Anleger auf Krypto-Betrug reagieren – eine empirische Analyse
In seinem Vortrag präsentierte Prof. Dr. Lars Hornuf (TU Dresden) eine der bislang umfassendsten Studien zu Cybercrime auf der Ethereum-Blockchain. Untersucht wurde, wie AnlegerInnen auf Betrug reagieren – insbesondere im Hinblick auf Risikoverhalten und Rendite.
Die Analyse basiert auf Informationen der gesamten Ethereum Blockchain und über 200.000 betroffenen Wallets, die verschiedenen Betrugstypen zugeordnet und mit vergleichbaren Nicht-Opfern verglichen wurden. Das Ergebnis: Opfer erhöhen ihr Risiko – vor allem durch weniger diversifizierte Investments –, und erzielen langfristig deutlich niedrigere risikobereinigte Renditen. Vor allem weniger vermögende Wallets zeigen unmittelbar nach einem Betrugsfall ein impulsiveres, oft spekulatives Verhalten.
Auffällig ist: Der Betrugstyp macht einen Unterschied. Ponzi-Systeme spielen eine überdurchschnittlich große Rolle als Betrugsmasche und führen zu risikobereinigten Verlusten unter den AnlegerInnen. Darkweb- oder Sextortion-Betrug führen hingegen zu einer erhöhten Risikobereitschaft und besseren risikobereinigten Renditen.
Ergänzt wurde die Studie durch ein KI-gestütztes forensisches Modell, das mit über 70 Prozent Genauigkeit potenwzielle Täter und Opfer anhand von Transaktionsdaten identifizieren kann. Hornufs Fazit: Die Verknüpfung von Behavioral Finance und Blockchain-Forensik bietet neue Ansätze für Regulierung und Anlegerschutz – gerade in einem zunehmend digitalisierten Finanzsystem.
Dr. Benjamin M. Henrich (Deutsche Bank) und Dr. Benjamin Clapham (Goethe-Universität) ergänzten ihre Perspektive. Henrich betonte die Verantwortung der Finanzbranche: Die Transparenz der Blockchain biete die Chance, aus dokumentierten Vorfällen zu lernen – und gezielte Schutzmechanismen für besonders gefährdete Kundengruppen zu entwickeln. Die Kombination aus technischer Analyse und Behavioral Insights könne helfen, Prävention, Monitoring und Kundenschutz im Krypto-Bereich deutlich zu verbessern.
Clapham hob die solide empirische Fundierung der Studie hervor und regte eine weiterführende Perspektive an: Wie verändert sich das Verhalten bei wiederholten Betrugsfällen? Welche Spillover-Effekte gibt es auf nicht betroffene AnlegerInnen? Und könnten Opfer von Cybercrime später selbst zu Tätern werden? Gleichzeitig wies Clapham darauf hin, dass die Studie sich auf die Ethereum-Daten beschränkt, die vermutlich nur einen kleinen Teil des Vermögens der Opfer erfassen. Er betonte, dass gerade die Kombination von Blockchain-Daten, Verhaltensökonomie und KI enormes Potenzial für präventive Maßnahmen und interdisziplinäre Forschung biete.
Alle Vorträge wurden im Plenum intensiv diskutiert und auch in den Pausen weiter vertieft. Die gute Resonanz der Teilnehmenden zeigt uns, dass wir mit den Themenschwerpunkten den Schweinwerfer auf die Risikomanagement-Themen richten, die derzeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der Bankpraxis von hoher Relevanz sind.













































































Veranstaltungsdetails
5. Juni 2025 | 9:00 - 18:00 Nur mit Einladung!